Liebe Leser,
zuerst mag ich dir ein gesegnetes Jahr 2025 wünschen, mit viel Freude, Leichtigkeit und Gelassenheit für all die Dinge, die anders als geplant in dein Leben treten. Denn im Grunde ist das Leben immer für Dich. Wir leben es vorwärts, um es dann rückwärts zu verstehen. Alles im Leben gelassen anzunehmen wie es kommt, gehört auch zu den Eigenschaften, die ich von den Menschen im Kongo lernen durfte und mich immer noch darin übe.
Nun zu Beginn des neuen Jahres, ist es mir eine Herzensangelegenheit zu erzählen, wie die Geschichte von Ngana weiterging. Denn auch er, durfte seinen Seelenweg so annehmen, wie er für ihn vorgesehen war.
Für alle die sich nur noch vage erinnern können oder noch nichts von Ngana gehört haben: Ngana – das Glück liegt im Moment (erster Teil der Geschichte)
Ich durfte Ngana, einen 39 Jahre jungen Mann, im April 2024 im Krankenhaus in Lukula kennenlernen. Dort hatte er, wie sonst im stationären Aufenthalt üblich, keine Angehörigen um sich und seine Atmung war sichtlich erschwert. Dank eurer Unterstützung, konnte ihm Motema Congo eine Untersuchung, bei einem Facharzt ermöglichen. Die Diagnose „Lungentumor mit Metastasierung“ erfuhr Ngana selbst nicht. Im Kongo wird es so gehandhabt, dass eine schwere Diagnose nur mit den engsten Angehörigen besprochen, und dem Erkrankten nicht mitgeteilt wird. Zu Beginn war dies ziemlich befremdlich für mich und ich haderte mehr als einmal damit, weil ich das Gefühl hatte, Ngana habe ein Recht darauf die Wahrheit zu erfahren. Aber je mehr ich mich auf die Umgangsweise im Kongo einlassen konnte, desto mehr erkannte ich auch deren Vorteile. Mit der Zeit durfte ich erfahren, dass es für Ngana selbst gar nicht so wichtig war über die Diagnose zu sprechen. Ich hatte das Gefühl, es hat ihm Angst gemacht. Viel bedeutungsvoller war es für ihn, das Glück im Moment zu genießen. So freute er sich über jeden Besuch, und gerne brachte ich ihm sein Lieblingsgericht „Kartoffelbrei mit Erdnusssoße und Fisch“ mit, welches wir dann gemeinsam aßen.
Anfang Mai, erreichte mich gegen 11:00 Uhr vormittags in meiner Arbeit in Boma, eine Nachricht von seinem betreuenden Arzt Dr. Yuya, Ngana gehe es an diesem Tag sehr schlecht. Er sei sehr schwach, lehne Essen und Trinken ab und wenn ich ihn noch einmal sehen möchte, sollte ich mich auf den Weg machen. Nach kurzer Rücksprache mit meinem Vorgesetzten, machte ich mich sofort mit dem Taxi auf die Fahrt ins Dorf Lukula. Viele Gedanken schossen mir während der 2h Fahrt durch den Kopf. „Wie werde ich Ngana antreffen?“, „Wird Ngana heute sterben?“, „Wie werde ich ihm begegnen können?“ Ich fühlte eine tiefe Traurigkeit. Doch irgendwann gelang es mir, während der idyllischen Fahrt durch die grüne Landschaft, mich mit der Natur zu verbinden, meine Traurigkeit abzulegen und darauf zu vertrauen, dass unsere bevorstehende Begegnung wieder sehr stimmig werden wird. Wie bisher jede unserer Begegnungen.
Als ich bei Ngana ankam, fand ich ihn an seinem Lieblingsplatz im Freien unter einem Pavillon, wo er sich schon immer gerne aufhielt. Hier lag er umgeben von anderen Patienten, inmitten der Natur. Ngana war an diesem Tag offensichtlich geschwächt. Als er mich kommen sah, war er zunächst sehr verwundert über meinen überraschenden Besuch. Er fragte mich, was ich hier mache. Ich antwortete ihm, dass ich gehört habe, er sei heute etwas schwach und ich gerne selbst nach ihm sehen wollte. Besonders berührte mich in diesem Moment, dass er den Wanderstein „Achte auf Dich“, neben sich auf der Matratze liegen hatte. Diesen Stein, hat mir ursprünglich meine Mama, für mich in den Kongo mitgegeben. Bei unserer letzten Begegnung, habe ich ihn an Ngana weitergereicht. Er sagte mir, dass dieser Stein ihm ein gutes Gefühl gebe, deshalb trage er ihn meist bei sich. Wir unterhielten uns und ich erzählte ihm von meinem Wochenendausflug ans Meer. Gute 2h saß ich bei ihm auf seiner Matte am Boden. Später half ich ihm beim Aufsetzen und wir tranken eine Cola zusammen. Es ging ihm währenddessen immer besser und der Besuch tat ihm sichtlich gut. Vermutlich auch deswegen, da er sonst fast immer alleine war. Ich fuhr mit einem guten Gefühl, zurück nach Boma.




Tatsächlich erholte sich Ngana allmählich wieder und so fuhr ich bereits eine Woche später, erneut zu einem Besuch ins Krankenhaus nach Lukula . Da wurde deutlich, dass Ngana auch ohne das Wissen über seine Diagnose, seinen Sterbeprozess fühlen konnte. Denn nach dem Essen sagte Ngana zu mir, dass er noch einen Wunsch in seinem Leben hätte, er möchte gerne noch einmal seine Mama Adeline sehen. Er erzählte mir, dass seine geliebte Mama in der Hauptstadt Kinshasa lebte, aber sie schon über zwei Jahre nicht mehr gesehen hat. Sie konnte sich schlichtweg, die 14stündige Autofahrt von 50€ nicht leisten.



Keiner wusste, wieviel Zeit Ngana noch bleiben würde und es wurde mir eine Herzensaufgabe, diesen Wunsch für Ngana zu erfüllen. So fanden wir über Motema Congo recht schnell Unterstützer, die die Kosten sowohl für die Hin- und Rückfahrt, sowie die Verpflegung für seine Mama übernahmen. Dies berührte mich selbst sehr vor allem da es dabei nicht um Hilfe zur Selbsthilfe wie unsere ursprünglichen Projekte ging.
Unmittelbar danach nahmen wir Kontakt zu seiner Mama auf und organisierten mit ihr gemeinsam die Fahrt. Wenige Tage später kam sie schon bei ihrem Sohn in Lukula an. Das Wiedersehen war für beide wunderschön. Mama Adeline zeigte uns sogleich mitgebrachte Bilder von Ngana, als er noch jünger war.


Ngana erwähnte außerdem den Wunsch nach einem Rosenkranz. Den hatte ihm bereits Pfarrer Jean Leonard aus unserem Motema Congo Team organisiert.


Nganas Mama Adeline ist eine sehr warmherzige Frau und ich erlebte Ngana im Beisammensein mit seiner Mama und Tante durchwegs glückseelig.
Ich war tief bewegt von dem Zusammentreffen der beiden und konnte nun Ende Juni 2024, mit einem zufriedenen Gefühl in meinen ersten Heimaturlaub nach 9 Monaten im Kongo, zurück nach Regensburg starten. Seine Mama ist nach einigen Tagen ebenfalls zurück nach Kinshasa gefahren. Sie wollte einiges organisieren, um anschließend nochmal für längere Zeit zu kommen. Ngana und ich hielten weiterhin übers Handy Kontakt, während ich in Deutschland war. Anfang Juli wurde es ruhiger. Am Montag, den 15. Juli 2024 wurde ich dann von Dr Yuya informiert, dass Ngana gegen 23:00 Uhr im Beisein des Krankenhaus Teams verstorben ist.
Zunächst traf es mich schon, dass Ngana jetzt doch so schnell verstorben ist, während ich im Heimaturlaub war. Zugleich fühlte ich aber auch Dankbarkeit und inneren Frieden. Wie wertvoll war es doch, gemeinsam mit eurer Unterstützung, Ngana noch seinen letzten Herzenswunsch erfüllt zu haben, damit er noch einmal seine Mama Adeline sehen konnte.
Die Beerdigung fand im engsten Familienkreis in seinem Dorf in Lukula, nicht weit vom Krankenhaus entfernt statt.





Im August nach meiner Rückkehr in den Kongo, besuchte ich gemeinsam mit Dr. Yuya das Grab von Ngana. Da es bis dahin noch kein Kreuz gab, war es mir eine letzte Herzensangelegenheit, ihm ein persönlich gestaltetes Kreuz an seine letzte Ruhestätte zu bringen. Als ich an seinem Grab stand, fühlte ich Ngana ist allgegenwärtig in der Natur von Lukula, überall wo wir auch sind. An diesem Tag gab mir Dr. Yuya meinen Stein zurück, er fand ihn bei Ngana. Nun darf er wieder auf mich achten und ich behalte ihn in Ehren.





Ich behalte Ngana und seine wundervolle Seele so in Erinnerung wie er war. Er nahm sich selbst und die Dinge allgemein nicht so wichtig, freute sich über die kleinen Momente im Hier und Jetzt.
Ich bin sehr dankbar für jede Begegnung, die Ngana und ich, so bewusst miteinander erleben durften. Wir waren regelrechte Glücksmomente Sammler. Letztendlich konnten wir damit seinem Leben nicht mehr Tage geben, aber seinen Tagen mehr Leben.
Daher lasst uns im Sinne von Ngana, im Jahr 2025 das Leben im Moment genießen, gemeinsam lachen, tanzen und uns freuen und die Dinge die anders laufen als geplant, etwas gelassener annehmen.
In tiefer Verbundenheit mit euch und den Menschen im Kongo.
Eure Jessica
DANKE für diese Zeilen, liebe Jessica, deine Worte rühren mich zu tränen. Danke für deine wundervolle Arbeit. Leider vergisst man im Alltag oft die wichtigen Sachen…
Ruhe in Frieden Ngana 💙
Wow! Einfach eine so tolle bewegende Geschichte 💞