Liebe(r) Leser(in),
heute möchte ich euch von einer für mich besonderen Begegnung im Kongo erzählen. Alles begann am 30. April diesen Jahres. Ich war an diesem Tag mit meinem Kollegen von der Caritas im 2,5h entfernten Dorf Lukula unterwegs, um das Krankenhaus „La Promesse“ für eine Projektbegleitung zu besuchen. Gerade als wir schon die Rückfahrt antreten wollten, sagte der zuständige Arzt Dr. Yuya, er möchte uns noch einen Patienten vorstellen. Direkt vor uns im Freien saß auf dem Boden ein junger Mann, sein Kopf hing hoffnungslos nach unten Richtung Boden. Doktor Yuya berichtete uns, dass er 40 Jahre alt sei, seit mehreren Wochen nur mehr sehr erschwert atmet und an der rechten Brust eine starke Schwellung zu sehen ist. Für eine genauere Diagnostik benötige es Untersuchungen in Boma, die aufgrund der Kosten von ca. 200€ (für Röntgen, Labor und dem Transport) jedoch nicht abzudecken sind, sodass er hier seit einigen Wochen ohne weitere Diagnostik sein Dasein kümmert. Von Doktor Yuya ließen wir uns auch sagen, dass er hier keine Angehörigen hat, die ihn versorgen könnten. Daraufhin bin ich zu dem Mann in die Hocke gegangen und habe ihn gefragt wie er heißt. Er hob den Kopf, sah mich an und sagte „Ich bin Ngana“. Ich sagte ihm, dass ich Jessica sei, wir nach einer Lösung suchen werden und er mutig bleiben soll. Es war nur eine kurze Begegnung, sollte aber nicht unsere Letzte sein.

Ngana möchte sich nützlich zeigen und sortiert für die Arbeiter am Krankenhaus Nägel.

Mein Kollege und ich waren auf der Rückfahrt noch ziemlich betroffen von der auswegslosen Situation des jungen Mannes, sodass ich kurz danach Bilder von Ngana und mir unter meinen Kontakten postete. Prompt meldete sich eine wundervolle Frau bei mir, die Ngana die notwendigen Untersuchungen in Boma gerne ermöglichen wollte. Gesagt, getan. Bereits zwei Tage später konnten wir den Transport für Ngana ins Ärztehaus nach Boma organisieren. Schon in der Früh um 8:00 Uhr kam er an, wo ich bereits auf ihn wartete und wir uns zur Begrüßung herzlich umarmten. Bis 13:00 Uhr war ich mit ihm gemeinsam beim Arzt. In dieser langen Zeit des Wartens kamen wir ins Gespräch und ich zeigte ihm ein Bild von der Frau, die ihm diese Untersuchungen möglich machte.


Noch am selben Abend, informierte mich Dr. Yuya das man Ngana medizinisch nicht heilen aber palliativ begleiten kann. Und als sollte es so sein, arbeitet Nganas Unterstützerin selbst seit 7 Jahren in einem Hospiz. Für sie war nach dieser Nachricht auch schnell klar, dass sie Ngana weiter über Motema Congo begleiten möchte. Sie machte es sich zur schnellen Aufgabe, ihrer Familie von Ngana zu erzählen und so kam nochmals Geld zusammen, um spezielle Medikamente zu bezahlen.
Eine Woche später machte ich mich mit einem Taxi, nochmal auf den Weg, um Ngana im Krankenhaus in Lukula zu besuchen. Zuvor habe ich ihn angerufen und gefragt ob er einen Essenswunsch hat. Ngana wünschte sich Kartoffelbrei mit Erdnusssoße und Fisch. Als ich schließlich mit dem bereits gekochten Essen im Gepäck angekommen bin, haben wir erst einmal gemeinsam gegessen. Eine Krankenschwester, welche gleich neben dem Krankenhaus wohnt, hatte bereits den Tisch für uns gedeckt. Dr. Yuya gesellte sich zu uns um gemeinsam zu speisen. Ngana war für diesen Moment sichtlich dankbar und rundum zufrieden.


Nach dem Essen fragte ich Ngana ob er einen Wunsch hätte, ob er jemanden oder einen bestimmten Ort besuchen möchte, dann würde ich ihn begleiten. Zögerlich meinte er, wir könnten auf den Markt schauen. Sein Cousin Juvenal nahm uns mit dem Motorradtaxi mit. Da es ein Mittwoch war, hatten wir den Markt für uns. Nach einer unbeschwerten Zeit und kleineren Einkäufen machten wir uns auf den Rückweg.

Anschließend zeigte mir Ngana noch das kleine Zuhause wo er aufgewachsen ist.


Viele interessierte Gesichter schauten neugierig was wir hier machten.

Zurück im Krankenhaus saßen wir noch etwas unter dem Baum und Ngana erzählte mir, das er noch eine jüngere Schwester und eine Mama hat, beide aber in der Hauptstadt Kinshasa lebten. Er hat selbst ein paar Jahre in Kinshasa verbracht und als Chauffeur gearbeitet. Vor zwei Jahren musste dann aufgrund von einem Tumor, sein linkes Bein amputiert werden. Diesen operativen Eingriff hat damals auch schon Dr. Yuya durchgeführt. Ngana ist deshalb seit mehr als zwei Jahren beim ganzen Team des Krankenhauses „La Promesse“ bekannt. Aktuell hat er dort auch ein Stück weit ein zuhause gefunden. Die Frau von Dr. Yuya bringt ihm öfter ein gekochtes Essen mit.

Ein schöner, unbeschwerter Besuch ging zu Ende.
Zehn Tage später waren mein Kollege und ich erneut beruflich unterwegs und da wir an Lukula vorbei fuhren, haben wir für ein paar Minuten nach Ngana gesehen. Er war sehr glücklich über unseren Kurzbesuch, freute sich sehr, weil mein Kollege Pfarrer Aime wieder dabei war. Trotz schwerer Erkrankung wirkte Ngana wiederum glücklich, unbeschwert und zufrieden. Er fühlte seit langer Zeit wieder, dass er als Mensch gesehen wird und sich jemand um ihn kümmerte. Seine positive, emotionale Veränderung war förmlich zu spüren. Welch glücklicher Moment, auch für uns.

Unsere Begegnung mit Ngana machte immer mehr die Runde. Aus dem Nichts erreichte mich letzte Woche eine Nachricht mit einem Bild von unserem Doktor Clement aus Lovo. Er schrieb „Schau, ich bin gerade in Lukula bei Ngana.“

Da bald mein Heimaturlaub ansteht, war es mir ein großes Anliegen Dauphine aus unserem Motema Congo Team mit ins Boot zu holen und Ngana vorzustellen. So können wir ihn auch weiterbegleiten wenn ich nicht vor Ort bin. Gemeinsam waren wir bei ihm zu Besuch. Es war von Anfang bis Ende sehr stimmig. Wir haben Ngana sein Lieblingsessen mitgebracht. Die Stimmung war unbeschwert. Trotz sichtlich erschwerter Atmung, wirkte Ngana erneut glücklich im Moment. Beim Essen fragte Ngana, ob wir heute denn keine Erinnerungsbilder machten? Wir lachten gemeinsam und begannen Bilder von uns zu machen.

Anschließend saßen wir noch unter „unserem“ Baum zusammen und unterhielten uns sprichwörtlich über Gott und die Welt. Ngana erzählte mir, das er gläubig sei und Gott einen hört, wenn man mit ihm spricht.



Er bedankte sich bei mir für alles was wir für ihn tun und ich bedankte mich bei ihm für alles was ich auf diese kurze Zeit von ihm lernen durfte. Ngana hat für mich etwas sehr einfaches, herzliches und die Fähigkeit trotz seiner schweren Erkrankung, den unbeschwerten Moment zu genießen. Seine Geschichte lehrte mir auch für mein Leben, dass das Schönste was wir anderen Menschen schenken können, Aufmerksamkeit und Liebe ist und jeder Mensch es verdient hat, gesehen zu werden.

Gefühlt haben Ngana und ich uns an diesem wundervollen Tag innerlich verabschiedet. Wie oft wir uns noch persönlich begegnen dürfen, liegt in Gottes Händen. Ich schenkte ihm einen orangen Wanderstein von meiner Mama, den ich für meine Kongoreise bekommen habe. Darauf steht „Achte auf Dich.“ Ngana steckte ihn sichtlich dankbar und bewegt in seine Hosentasche.

Als Dauphine und ich den Rückweg nach Boma antraten, haben wir uns noch herzlich umarmt. Ich bin dankbar für unsere Begegnung und all die bisher gesammelten unbeschwerten Momente. Es macht mich glücklich Ngana getroffen zu haben.
Auch wenn es sich hier nicht um „Hilfe zur Selbsthilfe“ handelt, ist es uns von Motema Congo e.V. ein Herzensanliegen, Ngana weiter zu begleiten und gemeinsam glückliche Momente zu sammeln. Denn das Glück, liegt im Moment.
Herzensgrüße aus Boma
Jessica